Seit mehr als zehn Jahren schreibe ich über Streetphotography, die mittlerweile auf Deutsch Streetfotografie heißt.

Von den Werbeabteilungen der Kameraindustrie wurde sie in dieser Zeit immer wieder neu erfunden, weil man das Wort für jede Art von Kamera nutzen kann egal wie dick oder dünn, groß oder klein.

Und seit der Erfindung des Bloggens schreiben auch immer mehr darüber.

So erfinden immer mehr Selfi(e)aner die Streetfotografie neu indem sie anfangen zu schreiben so wie sie fotografieren. Schnell wird man dann zum Meister seines Blogs.

So ist die Welt heute und deshalb gehört zur Frage, was Streetfotografie ist auch die Erkenntnis, daß jeder seine Art zu fotografieren so nennen kann, denn es handelt sich nicht um eine geschützte Marke mit klarem Inhalt.

Wer aber wissen will, woher Streetfotografie kommt, der kann dies hier nachlesen und sich selbst in ein Verhältnis dazu setzen.

Wenn wir einen Blick in die Geschichte der Fotografie werfen, dann hilft uns das Buch von Bernd Stiegler zur “Theoriegeschichte der Fotografie.”  Ein Kapitel dort hat die Überschrift “ Zum Raum wird hier die Zeit: die Momentphotographie“.

Während die ersten Fotografien mit der Lupe angeschaut wurden, weil sie „den Reichtum der sichtbaren Welt“ dokumentierten, wurde die Fotografie zu einem Medium, „das zwischen der unsichtbaren und der sichtbaren Welt vermittelt. Eine wichtige Rolle spielte dabei die sogenannte Moment- oder Augenblicksphotographie.“

Technisch war es möglich geworden, die Belichtungszeiten zu reduzieren.

Und so kam es wie es kommen mußte: der Mensch begab sich auf die Jagd nach dem entscheidenden Moment, wie er dann in der Person von Henri Cartier-Bresson seine immerwährende Verknüpfung fand.

Interessanterweise hatte Henri Cartier-Bresson noch keinen Autofokus zur Verfügung und sah auf dem Display auch nicht das Ergebnis.

Er mußte alles vorher mit Kopf und Auge konstruieren und sich auf seine Einteilung beim Blick durch den Sucher verlassen.

Und Street war erst Passage, eine Art städtische Einkaufszone.

Das Flanieren war die städtische Form des Spaziergangs.

Sie fand in den Passagen statt und wer was auf sich hielt und Aufmerksamkeit erhalten wollte, der nahm sich die neuste technische Errungenschaft seiner Zeit mit. Das war die Kamera.

Es ist identisch zu heute. Wer was auf sich hält nimmt das neuste Smartphone mit oder die neuste Watch oder die neuste GlassBrille oder oder oder.

Das Flanieren damals und die kleiner werdenden Kameras führten dann nach der Augenblicksphotographie in den Passagen mit großen Kameras zur Straßenfotografie mit kleineren Kameras bzw. Kleinbildkameras und natürlich zur Reportagefotografie.

So führte neue Technik zu neuen Sichtweisen und die neuen Sichtweisen führten zu neuen sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie. Diese wurden wiederum ausgestellt oder ausgeführt.

Zivilisation kann man kaufen Kultur nicht – sagte man früher. Heute ist vielfach die Kultur das Kaufen?!

Und auch wir müssen uns heute fragen, was aus dem Augenblick und dem Moment in der Fotografie geworden ist. Er wird wohl mittlerweile weniger auf der Straße aufgenommen, dafür werden alle Lebensmomente als visuelle Sprache gezeigt und gespeichert. Aber nicht als Dokumentation sondern als technische Möglichkeit. Das Zeigen ist das Wesentliche und der Austausch von Fotos als Informationen über Dinge und Augenblicke.

Der Augenblick ist also geblieben aber Fotos sind zu einer Sprache geworden, die vielfach das gesprochene und geschriebene Wort ersetzt.

Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass der „normale“ Mensch  mit ca. 300 Wörtern auskommt. Mehr Wörter bedeutet mehr Möglichkeiten im Kopf, um die Welt differenzierter zu sehen. Insofern wären viele verschiedene Fotos aus der Welt sogar eine Erweiterung seines visuellen Wortschatzes – allerdings Oberflächenwortschatz.

Ich würde mir Fotos mit etwas Politik oder Zivilisationskritik wünschen.

Für Walter Benjamin war der Flaneur ein Kämpfer gegen die zunehmende arbeitsteilige Gesellschaft.

Wer weiß das heute noch?

Ach übrigens, woher kommt eigentlich das Wort streetphotography?

Angeblich kam es bei New Yorker Fotografen in den 60er Jahren auf und wurde als nicht-kommerzielle Fotografie des urbanen Lebens verstanden: „The term ‚Street Photography‘ itself where allocated by some New York photographers in the mid 60s in form of a ’non-commercial photography of the urban life‘ (A. Stelter).

Ob das so stimmt?

Aber egal, das Wort ist da und wird genutzt mit Technik in jeder Form um Fotos auf jede Art zu machen.

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